Auf das (ver-)lassen bin ich gekommen, weil es mir scheint, dass Zuverlässigkeit keine Tugend mehr ist und Verlässlichkeit an sich nicht mehr „state of the art“. Verabredungen, Termine – egal ob kurzfristig oder vor Monaten ausgemacht – werden kurz davor oder mit Verspätung abgesagt oder verschoben. Das ist normal in der „cancel culture“ von heute. Ich nehme mich davon nicht aus. Es ist schon praktisch, wenn man bis zuletzt warten kann, ob sich nicht doch vielleicht was besseres ergibt. Noch besser, wenn das cancellen nichts kostet. Diese Freiheit nehm ich mir. Doch zu welchem Preis?
Das (ver-)lassen geht ganz einfach inzwischen. Ein Grund zum Absagen ist schnell zur Hand: „ich fühls gerade nicht“, „da möchte ich lieber ersteinmal in mich hineinspüren“ oder „ich hab soviel Arbeit“ oder „mein Hund/Katze/Maus ist krank“.
Wenn ich soetwas höre möchte ich gerne glauben, dass es stimmt und kein Vorwand ist für: „ich hab keine Lust, mit Dir was zu machen“. Aber mal ehrlich, es fällt schon auch schwer direkt auszusprechen, dass man ein besseres Angebot bekommen hat – selbst wenn es einfach nur die eigene Couch daheim ist.
Die Moral von der Geschicht? immer ehrlich sagen, was los ist oder lieber den Vorwand nützen? Immer wieder verschieben, bis irgendwann niemand mehr darauf zurückkommt? es (sein-) lassen?
Warum beschäftigt mich (ver-)lassen eigentlich? Es schwingt die Angst mit, die Angst davor alleine dazustehen, nicht dazuzugehören, nicht gemocht zu werden, etwas zu verpassen usw.
(Ver-) lassen ist verwandt mit (Ver-)lust, beides nicht schön und beides traurig.
Aber zum Glück gibt es Gegenspieler: (Ge-) lassen (heit), (gehen, wachsen und sein-) lassen. Nur Mut zur Akzeptanz und für Neues 🝮
